Digitalisierung gibt es seit 30 Jahren – der Praxisbericht aus der Industrie

Die Digitalisierung wird aktuell heiss diskutiert. Doch wirklich neu ist das Thema ja nicht. Die Digitalisierung begann mit der Einführung der Informations­technologie (IT). Mein Bericht über mein erstes Digitalisierungs-Projekt. Denn dies ist ein gutes Beispiel, wie Unternehmer dank Technologie massiv Kosten einsparen können.

Ich habe mir kürzlich überlegt, wann ich das erste Mal mit der Digitalisierung in Kontakt kam. Es war 1990 – also vor 30 Jahren! Ich war damals in der Ausbildung zum Maschinen­zeichner bei der SIG (Schweizerischen Industrie Gesellschaft in Neuhausen/Schaffhausen). Mein Lehrbetrieb hat unter anderem Dreh­gestelle für Eisenbahn­wagen produziert. Also die Roll-Einheiten, die den eigentlichen Bahnwagen tragen.

In der Ausbildung hatte man ein mehr­monatiges Werkstatt-Praktikum zu absolvieren. In dieser Zeit war ich im Bereich, in dem die gefertigten Drehgestell-Rahmen auf Mass­haltigkeit geprüft werden.

Zur Prüfung werden die Rahmen um 45 Grad angehoben und auf einer Vorrichtung platziert. Auf dem aufgerichteten Drehgestell wurden dann Messpunkte positioniert, welche mittels zweier optischer Messgeräte (Theodoliten) eingelesen werden. Nach dem Erfassen der 20 bis 40 Messpunkte, druckt das System eine Liste mit den einzelnen Messpunkten als X-, Y- und Z-Koordinaten.

An dieser Stelle kommt dann auch der Medienbruch. Zu jedem Rahmentyp gab es ein entsprechendes Mess­protokoll.

Dieses enthält die entsprechenden Soll-Masse sowie die zulässige Abweichung. Manuell wurde dann die Differenz zwischen den zwei Messpunkten berechnet und geprüft, ob dieses in der zulässigen Toleranz liegt.

„Medienbrüche sind Gift für die Digitalisierung. Sie verursachen Mehr­aufwand und sind fehler­anfällig.“

Zu dieser Zeit war das Produktions­aufkommen so hoch, dass die Anschaffung eines zweiten Messplatzes geplant war. Der zusätzliche Messplatz hätte Investitionen von gegen 200’000 Franken verursacht. Betriebskosten noch nicht berücksichtigt. Pro Messplatz konnten pro Tag 3 bis 4 Rahmen geprüft werden.

Die Digitalisierung des Prozesses

Mich hat dieses „händische“ Auswerten gestört. Es war sehr zeitintensiv und zudem auch fehleranfällig. Da die Messdaten bereits im Computer erfasst waren, sollte doch auch die Auswertung automatisiert erfolgen können.

Meine Idee war dann, eine Software zu entwickeln, welche die Auswertung übernimmt. Dies wurde von der Abteilungsleitung allerdings nicht unterstützt und wie folgt begründet: „Das läuft jetzt seit einigen Jahren problemlos so. Das auf dem Computer auszuwerten, ist viel zu kompliziert.“

Ich war da anderer Meinung. Kurz­entschlossen habe ich in der Freizeit eine Software entwickelt, welche genau diese Aufgabe übernahm. Es ermöglichte, die zu prüfenden Abmessungen pro Rahmentyp zu hinterlegen. Die ent­sprechende Datei mit den Messdaten wurde importiert und mit den hinterlegten Sollwerten abgeglichen.

Schlussendlich wurde das sauber formatierte Protokoll ausgegeben. Zudem gab es jetzt auch die Möglich­keit, statistische Auswertungen zu erstellen und so Erkenntnisse zu den einzelnen Rahmen­typen zu gewinnen.

Ich habe dann die Software vorgestellt. Das Ganze wurde zwar anfänglich sehr skeptisch aufgenommen, dann aber doch ausgiebig geprüft und zu guter Letzt auch eingeführt.

Einsparung durch Digitali­sierung

Durch die Digitalisierung des Prozesses konnte der Durchsatz von 3 bis 4 auf durch­schnitt­lich 7 Rahmen pro Tag verdoppelt werden. Angesichts dessen war auch die Anschaffung des zweiten Mess­platzes vom Tisch. Als „Belohnung“ erhielt ich zwar nur 1’000 Franken und ein Goldvreneli – der Stolz jedoch war unbezahlbar.

Wie der Prozess wohl heute aussieht

Keine Frage, diese Lösung ist unter heutigen Gesichts­punkten nichts Bahnbrechendes.

„Die wesentlich grössere Heraus­forde­rung in der heutigen Zeit, ist das transformieren ganzer Geschäfts­modelle ins digitale Zeitalter.“

Das wiederum passiert nicht bereits seit 30 Jahren – wird sich aber in den kommenden Jahren noch beschleunigen. Wie sieht das in Ihrem Unternehmen aus? Ist ihr Unternehmen für die digitale Zukunft richtig aufgestellt?

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