Konfliktscheue Führungskräfte – wenn Harmonie zum Geschäftsrisiko wird

Konflikten auszuweichen schafft kurzfristig Ruhe und ist auch bei Führungs­kräften weit verbreitet. Doch ungelöste Spannungen verschwinden in der Regel nicht von selbst: Probleme wachsen, Leistung und Zusammen­arbeit leiden und notwendige Entscheidungen werden hinaus­gezögert. Ich zeige Ihnen aus meiner Coaching­praxis, warum Führungs­kräfte Konflikten ausweichen und wie Sie Ihre Konflikt­fähigkeit gezielt stärken können.

Die Harmonie-Falle: kurzfristig Ruhe, langfristig mehr Konflikte

Ein Mitarbeiter hält Vereinba­rungen wiederholt nicht ein. Zwei Team­mitglieder geraten immer wieder aneinander. Oder die Leistung entspricht seit einiger Zeit nicht mehr den Erwartungen. Die Führungs­kraft sieht das Problem längst, spricht es aber nicht oder nur halb­herzig an. «Das wird sich schon wieder einrenken», «Ich möchte daraus kein grosses Ding machen» oder «Im Moment ist ohnehin schon genug los.» Solche Gedanken klingen zunächst vernünftig.

Doch die Ruhe täuscht. Erwartungen bleiben unklar, Ärger staut sich auf und andere Mitarbei­tende beobachten sehr genau, wie die Führungs­kraft damit umgeht. Besonders kritisch wird es, wenn engagierte Mitarbei­tende erleben, dass mangelnde Leistung oder schwieriges Verhalten folgenlos bleiben. Was für die Führungs­kraft nach Harmonie aussieht, wirkt auf andere schnell unfair. Gerade die zuverlässigen Mitarbei­tenden tragen dann häufig die Folgen mit. Was früh mit einem offenen Gespräch geklärt werden könnte, entwickelt sich so womöglich zu einem handfesten Konflikt.

«Wer Konflikten ausweicht, verhindert sie meist nicht. Er verschiebt sie und macht sie häufig schwieriger.»

Warum Führungskräfte Konflikten ausweichen

Das Paradoxe daran: Führungs­kräfte wissen oft sehr genau, dass sie etwas ansprechen müssten, und tun es trotzdem nicht. Dahinter steht häufig der Wunsch nach Harmonie und Anerkennung. Niemand erlebt gerne Ablehnung, und Reaktionen wie Widerstand, Enttäuschung oder Ärger lassen sich nicht kontrollieren. Auch Unsicher­heit spielt eine Rolle: Wie spreche ich das Thema an? Wie reagiert mein Gegenüber? Was tue ich, wenn das Gespräch eskaliert?

Ist jemand konfliktscheu, zeigt sich das nicht nur im Schweigen. Manchmal wird ein Thema zwar angesprochen, aber so vorsichtig, indirekt oder unverbindlich, dass die notwendige Klarheit ausbleibt. Hinzu kommt die Hoffnung, dass sich das Problem von selbst löst. Stark sachorientierte Führungs­kräfte konzentrieren sich zudem gerne auf Themen, bei denen Lösungen klarer und berechenbarer erscheinen. Konflikte sind dagegen zwischen­menschlich, emotional und weniger berechenbar. Genau deshalb gehören sie zur Führungs­aufgabe. Gute Führung bedeutet nicht, Harmonie um jeden Preis zu erhalten, sondern dort Klarheit zu schaffen, wo sie notwendig ist.

Konfliktfähigkeit ist Führungs­fähigkeit

Konfliktfähigkeit bedeutet nicht, Streit zu suchen oder hart aufzutreten. Sie bedeutet, schwierige Themen frühzeitig, klar und respektvoll anzusprechen. Dabei helfen sieben Grundsätze:

1. Früh ansprechen: Warten Sie nicht, bis sich Ärger aufgestaut oder Fronten verhärtet haben. Je früher ein Thema angesprochen wird, desto leichter lässt es sich klären.
2. Beobachtungen statt Bewertungen: Beschreiben Sie in Ich-Botschaften konkret, was Sie wahr­genommen haben und welche Auswirkungen dies hat, statt die Person zu beurteilen.
3. Klar und respektvoll bleiben: Sagen Sie deutlich, was Sie stört oder was sich ändern muss, ohne anzugreifen oder abzuwerten.
4. Erwartungen benennen: Machen Sie klar, welches Verhalten oder Ergebnis Sie künftig erwarten.
5. Die andere Sicht anhören: Geben Sie Ihrem Gegenüber Raum für die eigene Wahr­nehmung. Konflikt­klärung ist kein Monolog.
6. Verbindlichkeit schaffen: Vereinbaren Sie konkret, was sich bis wann ändern soll, und überprüfen Sie die Umsetzung.
7. Spannung aushalten: Nicht jedes unangenehme Gespräch ist ein schlechtes Gespräch. Führung verlangt manchmal, Spannung auszuhalten, statt ihr auszuweichen.

Meine Erfahrung im Führungs­coaching zeigt: Konfliktfähige Führungs­kräfte zerstören Harmonie nicht. Sie schaffen die Grundlage für eine trag­fähigere Zusammen­arbeit und damit für echte Harmonie. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Probleme ausgesessen werden, sondern dadurch, dass sie rechtzeitig, offen und konstruktiv angesprochen und geklärt werden.

Welchem Konflikt weichen Sie derzeit aus? Was kostet dieses Zuwarten Sie, Ihr Team oder Ihr Unternehmen bereits heute? Und welches Gespräch sollten Sie jetzt führen, statt weiter darauf zu hoffen, dass sich das Problem von selbst löst?

Quelle: Artikel auch erschienen auf it-markt.ch, Bild: magnific.com/xyz

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